A Night of Boxing V

[Quelle: SwissBoxing, Gérald Kurth]

Das Drehbuch im Casino Basel hätte nicht besser sein können: Der Hauptkampf des Abends zwischen Lokalmatador Faton Vukshinaj und dem Argentinier Mateo Damián Verón war an Dramatik während acht Runden kaum zu überbieten. Als die Split Decision zu Gunsten Vukshinajs verkündet wurde, brach das Publikum in tosenden Jubel aus. Zuvor hatte es bangend den Atem angehalten, denn es wusste: Das Ergebnis würde denkbar knapp und hätte – das illustrierten die gegensätzlichen Wertungen der Punkterichter – auch in die andere Richtung ausfallen können. Und doch ist Vukshinajs Sieg der verdiente Lohn für einen aufopfernden und überwiegend kontrollierten Fight.

Die Gala im Casino Basel war die letzte in einer Reihe von attraktiven Kampfabenden, mit der sich die Kampfsportschule Basel (KSSB) in kurzer Zeit einen Namen gemacht hat. Das ist alles andere als selbstverständlich: Der vom quirligen Eventmanager und Organisator Sevkan Mengüçek und Chefcoach Mergim Vuksinaj geführte Club besteht seit gerade mal zwei Jahren: 2017 startete das Gründungsteam zu viert. Mittlerweile hat der Club 105 Mitglieder, was umso beachtenswerter ist, als man sich im Raum Basel gegen einige Konkurrenz behauptet. Der Erfolg des KSSB ist selbstverständlich auch auf die Strahlkraft von Faton Vukshinaj zurückzuführen: Die aktuelle Nr. 125 der Welt will nach ganz oben. Mit dem Auftritt gegen Verón hat er diese Ambition erneut überzeugend unterstrichen und bringt sich mittelfristig als Herausforderer für einen Titelkampf ins Spiel. Das sind gleichzeitig ausgezeichnete Zukunftsperspektiven für die KSSB, die mit Behar Sadiku und Ismael Martinez (Arnold Boxfit) zwei weitere zugkräftige Professionals auf die Fightcardsetzen konnte.

Die Profikämpfe

Mittelgewicht (8×3’)

Mateo Damián „El Chino“ Verón vs. Faton „E lVulcano“ Vukshinaj

In der ersten Runde tasteten sich die Kontrahenten noch gegenseitig ab. Der Argentinier versuchte, wenn auch noch wenig entschlossen und drucklos, mit der Auslage zu punkten. Vukshinaj entzog sich meist aufmerksam, blieb aber in Intervallen immer mal wieder stehen, um Verón mit knackigen kurzen Kopfhaken abzukontern. Das Tempo war hoch, die Kampfführung sehr fair. Keiner war beeindruckt, aber die ersten beiden Runden gingen sicher an Vukshinaj. In der dritten Runde schlug Verón seinen  Jab nun vermehrt zum Körper und schickte gerne auch noch einen Upper Cut hinterher. Der Argentinierschlug öfter, aber Vukshinaj blieb mit seinen einfachen, über die Deckung gezogenen Kontern stets gefährlich. Der Kampf bewegte sich auf technisch hohem Niveau und war schnell. Die Runden blieben eng. Der Argentinier bot mit seiner extrem einwärts gedrehten Auslageschulter wenig Angriffsfläche und arbeitete von dort aus permanent mit dem Jab, aber Vukshinaj wichnicht zurück und brachte immer wieder einzelne Hände ins Ziel. Der Einheimische wirkte jedoch sichtlich überrascht, als er in der 7. Runde aus der Ecke plötzlich die Anweisung erhält, sich angesichts des offenbar gefühlten Punktevorsprungs bis ans Kampfende auf die kontrollierte Defensive zu verlegen. Vukshinaj suchte mehrfach Blickkontakt zu Bruder und Coach Mergim und fing deshalb mehrere Jabs des Argentiniers ein. Verón nutzte diesen Moment der offenbar kurzfristigen taktischen Umstellung im Team Vukshinaj und entschied die letzten beiden Runden für sich, ohne aber den Basler noch ernsthaft erschüttern zu können. Dass die Punktesituation in Runde 7 jedoch alles andere als klar war, verdeutlichen die divergierenden Punktewertungen am Ende. Die Wertung dürfte mit der unterschiedlichen Interpretation der Kampfgestaltung zusammenhängen: Während Roger Haug und René Schlachter (je 78:74 für Vukshinaj) Schlagwirkung und Entschlossenheit stärker gewichteten, war für Beat Hausamman letztlich vor allem Veróns unablässig punktender Jab das entscheidende Element zu Gunsten des Argentiniers (75:77).

Trotz des knappen Mehrheitsentscheids war der Sieg Vukshinajs verdient. Und eine wertvolle Lektion war es obendrein: Er war das Produkt einer defensiven Umstellung gegen Kampfende, die der von seiner Anlage her risikofreudige Vukshinaj kurzfristig umsetzte. Es reicht, den Gegner auszupunkten. Er muss nicht unbedingt vor  Kampfende ausgeknockt werden. Vukshinaj ist auf einem sehr guten Weg, wenn er neben seiner ohnehin beeindruckenden Schlagkraft und Motorik auch mehr taktische Variabilität in den Ringbringt.

Mittelgewicht (6×3’)

Daniel Rašdan vs. Ismael „El Torito“ Martinez

Dass der Kampf über die Runden ging, war wohl auch die Folge des Cuts über dem linken Auge des „kleinen Stiers“ aus Basel. Sehr früh in der fünften Runde klaffte eine Wunde über Martinez’ linkem Auge, der ihn daran hinderte, entschlossen die Vorentscheidung zu suchen. Vorher hatte er seinen bulgarischen Gegner problemlos kontrolliert und mit einfachen Links-Rechts-Kombinationen gepunktet. Rašdan war aber nicht aus Sofia angereist, um sich schnell auf die Bretter zu legen – im Gegenteil: Er wehrte sich mit den begrenzten Möglichkeiten, die er hatte. In der vierten Runde begann er sogar noch, Faxen einzustreuen, was Martinez umgehend mit einigen schönen Uppercuts und einer nachdrücklicheren Auslage bestrafte. Auch wenn er keine echte Dominanz aufbauen konnte: Der Basler zeigte einen animierten Kampf, den er so sicher nach Hause brachte, wie es die einheitliche Wertung der Punkterichter verdeutlich (3 x 60:54 zu Gunsten von Martinez.

Supermittelgewicht (4×3’)

Denis Kabašić vs. Behar „S.o.A“ Sadiku

Der Kampf war, kaum hatte er begonnen, auch schon zu Ende. Man hatte gerade noch gesehen, wie der bislang ungeschlagene Kabašić mit zwei, drei harten Kombinationen nach vorne arbeitete. Sadiku nahm die Einladung umgehend an: Er ging sofort in die Gegenoffensive – mit zwei einwandfreien Serien innert kürzester Zeit brachte er die Ecke seines schwer getroffenen Gegners noch vor dem ersten Gong dazu, das Handtuch zu werfen. Auch wenn die kurze Kampfdauer Sadiku keine echte Standortbestimmung ermöglichte: Wie er seinen Gegner nach dem ersten Wirkungstreffer studierte und seine Serie ganz gezielt kulminieren liess, zeigte die grosse Klasse, über die der junge Basler schon verfügt. Er wird auch gegen Gegner bestehen, die im Kampf bleiben. Sehr beeindruckend!

Auswahl Elitekämpfe

Einen ähnlichen Akzent setzte auch Adrian Garcia (<65kg). Der für Arnold Boxfit startende, in Bern wohnhafte Galizier bewegte sich unkonventionell, ja tänzerisch durch den Ring, wies aber Abdelnasser Jebahi mit zwei knallhart vorgetragenen Kombinationen sofort in die Schranken. Der Ringrichter nahm den orientierungslosen Genfer nach der zweiten Serie in der ersten Runde zurecht aus dem Kampf. Von Garcia dürfte man bald wieder hören.

Der einzige Frauenkampf des Abends ging verdient an die einheimische Natalie Goop vom Boxteam Basel: Obwohl sie einen Kopf kleiner ist als Gegnerin Lena Enkerli von Olympic Boxing Club Genève, suchte sie permanent die Offensive und punktete mit schönen Kombinationen. Ein intensiver Kampf, in dem die Baslerin ihre Grössennachteile durch ein grosses Kämpferherz und eine gute technische Schule ausglich. Allerdings sollte sie bei allem Angriffswillen ihre Deckung nicht vernachlässigen, weil sie immer wieder unnötige Kontertreffer einfängt.

Einen interessanten Kampf boten in der Kategorie Halbschwergewicht (<81kg) auch Joel Janis Oesch (BC Bern) und Mahmut Yılmaz (KSSB). Der Einheimische punktete schnell mit seinen guten Jabs. Der Kampf war trotz des Limits schnell, technisch überdurchschnittlich und von beiden gut geführt. Yılmaz konnte sich bis Mitte zweite Runde ein Punktepolster zulegen, dass er am Ende knapp über die Ziellinie rettete. Während er sichtlich pumpte und zunehmend klammerte, ging der von Ex-Profi Vito Rana gecoachte Oesch vermehrt in die Offensive. Dass es am Ende nicht reichte, lag daran, dass Oesch seine Reichweitenvorteile nicht ausnutzte. Er setzte auf die Brechstange und ging in die Halbdistanz, wo ihn Yılmaz routiniert umarmte und so das Punkten verunmöglichte. Dennoch: zwei interessante Kämpfer, die beide über Entwicklungspotenzial verfügen.